Ausstieg nach 70 Kilometern und 4.200 Höhenmetern in 12:35 Std.

Spendenlauf für die Multiple Sklerose Stiftung

“Philip runs TVB for MS” Spendensumme 1.500,- Euro

 

Es ist 5 Uhr morgens am 3 Juli 2010 im Schweizer Dorf Verbier. Mit Rucksack stehe ich und ca. 330 weitere Läufer an der Startlinie zum Trail Verbier St-Bernard und habe nun 110 km, dass heißt einen Tag und eine Nacht laufen, vor mir. Als der Startschuss fällt ist es noch stockdunkel und die Stirnlampen leuchten uns den Weg am ersten steilen Anstieg über Wiesen und durch Wälder hoch zum Croix de Coeur auf 2400 m.

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Die ersten warmen Sonnenstrahlen erwecken die Lebensgeister und ich kann meine Müdigkeit abschütteln. Dem ersten Anstieg von ca. 10 km folgt eine extrem lange bergab Passage über 1 Stunde, Ab jetzt laufe ich mit Markus aus Remscheid. Wir haben das gleiche Leistungsniveau und können uns prächtig Unterhalten. Das hohe Tempo und das extreme  Gefälle von bis zu 40% runter auf 720 m nach Sembrancher fordern Halt und Kontrolle beim laufen, sodass ich meine Schuhe enger schnüren muss. Der nicht enden wollende Weg aus Schotter und Geröll geht in einen schmalen Schmugglerpfad über, der durch sein Gefälle und Ausgesetztheit zahlreiche Stürze und einige Schürf- und Platzwunden bei den Mitläufern hervorruft. Während ich einem Franzosen im Sturz abfange wundere ich mich, wer sich solche Wege ausdenkt und bin gewarnt und erfreut über solch ein Abenteuer zugleich.

Auch ich bleibe vor einem Sturz über eine Wurzel nicht verschont und schrubbe mit den Händen mehrfach kurz den Boden bis ich mich wieder fangen kann. Bis nach La Fouly, wo ich bei km 55 Halbzeit habe sind es noch gut 30 km und ca. 1400 Höhenmeter und ein langer zäher Anstieg ins hinterste Tal zu den schneebedeckten Bergen. Auf dem Weg passieren wir in größter Hitze Kontroll- und Verpflegungsstationen, an denen wir unsere mit 2 Liter Wasser befüllten Rucksäcke immer wieder auftanken und uns mit Kuchen und Riegeln stärken. Weiter geht es vorbei an einem Edelweißfeld, wundervollen Bergen, unbeschreiblich schönen Landschaften und mit Blindschleichen, Kühen, Gämsen und Natur pur.

ST837072Geblendet von der Natur bemerke ich erst viel zu spät, dass meine Schuhe zu eng gebunden sind. Ich habe mir an jedem Fuß eine zigarettengroße Blase unter den Fußballen gelaufen, die ich bei La Fouly dringend abtapen muss. Gesagt getan und nach einer kurzen Pause und einem Lagebericht nach Hause begebe ich mich mit Markus gegen 14 Uhr (9 Stunden nach dem Start) auf den zweiten und weit aus schwierigerem Teil der Strecke. Bis jetzt geht es mir viel besser als gedacht und die Strecke ist nicht nur abwechslungsreich und schön sondern auch anspruchsvoll. Genau das, was ich mir vorgestellt habe.

Wir lassen La Fouly schnell hinter uns und schrauben uns erst durch Serpentinen und dann über schmale Wanderpfade steil und sehr hart etwa 1.100 Meter nach oben in Richtung schneebedeckter Gipfel. Unser Tempo verlangsamt sich drastisch, denn die Anstiege werden immer steiler, unwegsamer und an Joggen ist nur noch auf kleinen Zwischenstücken zu denken. Geröll, Steine und die ersten Schneefelder queren wir mit großer Begeisterung und ich fühle mich genau dort wo ich hingehöre. Das harte Training mit Treppenläufen, Joggen mit Gewichten und lange Läufe über unwegsames Gelände hat sich bestens ausgezahlt. Je näher wir den Schneefeldern kommen, umso steiler und heißer wird es. Die Sonne brennt und ich benutze mein Cap, obwohl ich Mützen nie trage. Doch auch mit Mütze und Sonnenschutzfaktor 50 ist es eine Hitzeschlacht auf knapp zweieinhalbtausend Metern Höhe. Bei 41 Grad schmilzt der Schnee und es fühlt sich an, als ob man eine Düne hoch rennen würde und nicht vorankommt. Wir brauchen über eine halbe Stunde für einen Kilometer!

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Die Anstrengung zum höchsten Punkt „Col de Fenetre“ auf 2698 Meter ist beim plötzlich auftretenden Unwetter gegen 18 Uhr schnell vergessen. Der Himmel wird schwarz, um uns herum einschlagende Blitze, aufgestellte Haare vor elektrischer Ladung in der Luft und Golfball große Hagelkörner lehren uns Trail-Läufern das Fürchten. So schnell wie möglich sehe ich zu zum nächsten Kontrollpunkt zu gelangen und streife mir im Laufen meine Regenjacke und ein Regencape über, die gegen solche Wassermassen aber völlig hilflos sind. Die sintflutartigen Regenfälle machen Bäche innerhalb von Minuten zu unpassierbaren, reißenden Flüssen. Die Sturzbäche überspülen Wege und lösen Steinschlag aus, welcher das Vorankommen sehr gefährlich macht. Durch das Unwetter fällt die Temperatur von 41 Grad auf unter 10 Grad und kühlt jeden von uns in Sekunden aus.

Bei Kilometer 70 ist nach 13 Stunden und 44 Minuten und über 4.200 zurückgelegten positiven Höhenmetern für uns Schluss. Wir wärmen uns mit Tee, Gulaschsuppe und warmen Klamotten in einem kleinen Cafe auf. Auch weitere Teilnehmer werden vom Gewitter gestoppt und müssen von Helfern vor Ort versorgt werden. Bei den Gebirgsjägern habe ich schon viel erlebt, doch mit diesem Unwetter hat einem die Natur wieder die Grenzen aufgezeigt. Der Veranstalter musste für uns das Rennen abbrechen und wir wurden mit Bussen vom St. Bernard abgeholt. Schade, wenn man bedingt durch das Wetter abbrechen muss, auch wenn man konditionell und körperlich noch fit ist und die restlichen 40 km noch schaffen könnte.

Das Rennen ist wirklich hart. Wer dafür nicht ernsthaft trainiert hat sollte sich nicht auf diese Strecke begeben, denn sonst erlebt man sein Waterloo.

Neben der körperlichen Stärke ist es auch die mentale Verfassung, die bei einem derartigen Wettkampf in und mit der Natur herausgefordert wird. Das Wetter, mit seiner Unberechenbarkeit und gnadenlosen Gewalt, entscheidet mit über Abbruch und Weiterkommen eines jeden Einzelnen.

Ich weiß, dass ich den Trail Verbier schaffen kann. Im nächsten Jahr werden wir uns wieder sehen, der Berg und ich…